Gesellschaftliche Strukturen und städtisches Leben in einer brandenburgischen Kleinstadt: Zossen 1925-1945

Ziele und Inhalte des Projektes

Im Jahre 2006 realisierten wir unter Federführung des Jugendfreizeitvereins Leo e.V. und in Zusammenarbeit mit der Gesamtschule "Geschwister Scholl" Zossen/Dabendorf das Projekt "Spurensuche. Jüdisches Leben in Zossen 1925 bis 1945". Ausgangspunkt für dieses Projekt waren Fragen von Jugendlichen wie "Der Nationalsozialismus hat wohl einen Bogen um Zossen gemacht?", "Gab es überhaupt Juden in Zossen?". Literaturrecherchen, Konsultationen mit den Lehrkräften der Gesamtschule und die Durchsicht der Unterrichtsmaterialien ergaben, dass es einerseits keinen regionalen Bezug in den Lehrbüchern gab und andererseits kaum regionalspezifisches Material als Unterrichtsergänzung gab, da zur Geschichte der Stadt Zossen im Nationalsozialismus außer zu militärischen Aspekten in den letzten 60 Jahren wenig publiziert wurde. Der Unterricht gestaltet sich deshalb - abgesehen von gelegentlichen Auftritten von Zeitzeugen im Unterricht - für die Schüler abstrakt. Dem soll unter anderem durch die von uns angestrebte Monographie abgeholfen werden. Damit wollen wir einen Betrag zur Auseinandersetzung mit rechtsextremistischem Gedankengut vor Ort leisten.

Im Verlaufe der Arbeiten an dem genannten Projekt erkannten wir, dass die Stadt Zossen zumindest Ende der 20er Jahre und in der ersten Hälfte der 30er Jahre das Führungspersonal der NSDAP für den damaligen Kreis Teltow stellte. Für den Bereich der evangelischen Kirche war die Situation ähnlich. Zossen war eine Hochburg der nationalkonservativen Kräfte und wurde das regionale Zentrum der "Deutschen Christen". Gleichzeitig soll es - nach der lückenhaften Überlieferung und den Wahlergebnissen - in den 20er Jahren einen starken Rückhalt der beiden großen Arbeiterparteien in der Zossener Bevölkerung gegeben haben. Während der Archivstudien stellte sich uns zunehmend die Frage, wie in der brandenburgischen Provinz (hier der Kleinstadt Zossen), abseits der großen Städte, die nationalsozialistische Diktatur errichtet, ausgebaut und gesichert werden konnte. Wer waren die Akteure, woher kamen sie, in welchem weltanschaulichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gefüge handelten sie? Welche Defizite in den demokratischen Strukturen und der demokratischen Kultur führten zum Kollaps der Weimarer Republik in Zossen? Welche Position nahm das städtische Beamtentum ein? Wie agierten die Parteien und Gewerkschaften? Warum kapitulierte die örtliche SPD innerhalb von nur zwei Monaten nach den Wahlen vom 12. März 1933? Welche Rolle spielte der nationalsozialistische Terror in der Stadt? Wie (Argumente und Taten; Mechanismen) wurde die Bevölkerung für den Nationalsozialismus gewonnen? Hatten die Gefangenenlager des 1. Weltkrieges in Zossen Einfluß auf politische Motive bzw. Haltungen am Vorabend der "Machtergreifung"? Wie funktionierte Schule unterm Hakenkreuz in Zossen? Trug die Anwesenheit der Wehrmacht zur Stabilisierung der nationalsozialistischen Herrschaft bei? Welche Rolle spielten die Vereine und ihre Funktionäre unter dem Nationalsozialismus in der Stadt. Gab es Widerstand? Wie äußerte er sich? Diesen Fragen wollen wir in einer Monographie nachgehen, die vornehmlich auf Archivstudien und Zeitzeugengesprächen beruhen soll.